Warum Europa beim Daten-Öl nur den Kanister hält – und Hyperscaler längst die Pipeline besitzen

Wenn Ideen verstummen – und Innovation leise leidet

Es gibt Sätze, die man eigentlich längst begraben wollte. Einer davon ist dieser unzerstörbare Klassiker aus der frühen Cloud-Kaufmannszeit: „Daten sind das neue Öl.“
Ein Spruch, der seit zwanzig Jahren durch deutsche Konferenzräume wabert wie ein Faxgerät im Dampfbetrieb: technisch überholt, rhetorisch müde, aber irgendwie nicht totzukriegen. Während wir hierzulande immer noch diskutieren, ob Daten wirklich Öl sind, haben andere längst Pipelines, Raffinerien und globale Infrastrukturen gebaut, die das sogenannte Öl nicht nur speichern, sondern in Echtzeit in Wertschöpfung verwandeln.

Diese anderen heißen: Microsoft Azure, Amazon Web Services, Google Cloud. Drei Hyperscaler, drei Imperien der modernen Informatik, drei Strukturen, die längst mehr sind als Cloud-Anbieter. Sie sind Energieversorger des Digitalen.


Was ein Hyperscaler wirklich ist – und warum Europa das unruhig machen sollte

Ein Hyperscaler ist kein Hosting-Anbieter in XXL, sondern eine autonome Rechenzentrumsmaschinerie, in der Skalierung kein Prozess ist, sondern ein Naturgesetz. Ein normaler Hoster hat Server. Ein Hyperscaler hat eine globale Infrastruktur mit Millionen Maschinen, eigener Glasfaser, eigener Hardware, eigener KI-Architektur und dem Anspruch, jede Workload auf Zuruf zu stemmen.

Ein klassischer Anbieter ist ein Werkzeugschuppen; ein Hyperscaler dagegen ein Baumarkt in Planetengröße, in dem jedes Werkzeug, jede Maschine, jede Ressource jederzeit verfügbar ist – automatisiert, redundant, global. Wer seine Web-App bei einem kleinen Anbieter betreibt, jongliert mit zwei Herdplatten. Wer sie bei einem Hyperscaler betreibt, betreibt eine Küche, die ihre Zutaten selbst nachproduziert, bevor man überhaupt bemerkt, dass etwas fehlt.

Kurz: Hyperscaler sind kein Service. Sie sind ein Betriebssystem für Wirtschaft und Staat.

Und genau dort beginnt die eigentliche Abhängigkeit.


Wenn wir beim echten Öl schon gescheitert sind – warum glauben wir, dass Daten anders funktionieren?

Wir in Europa haben eine gewisse Tradition darin, Abhängigkeiten erst ernst zu nehmen, wenn sie bereits brennen. Russisches Gas war bequem. Bis es das nicht mehr war.
Nun stehen wir vor einer strukturell identischen Situation – nur mit digitaler Energie.

Denn auch wenn der Satz „Daten sind das neue Öl“ überstrapaziert ist, stimmt eines weiterhin: Daten ohne Infrastruktur sind wertlos. Öl in Kanistern bringt niemandem etwas, wenn man keine Pipeline besitzt. Und bei Daten besitzen andere die Pipeline.

Dabei müssten wir eine unangenehm einfache Frage stellen:

Warum glauben wir, dass digitale Energie geopolitisch neutral bleibt, wenn physische Energie es nie war?

Wer die Compute-Infrastruktur besitzt, besitzt die Regeln. Nicht aus Bosheit, sondern aus Physik, Ökonomie und geopolitischer Realität.

Wenn Microsoft, Amazon oder Google morgen Preise anpassen, KI-Funktionen einschränken oder regionale Compliance-Modelle verändern, hat Europa exakt dieselbe Handlungsfreiheit wie ein Hausbesitzer, dessen Heizung plötzlich an jemanden vermietet wurde, den er nicht kennt: nämlich keine.


Anonymous meldet sich zu Wort – natürlich

In meinem Kopf taucht in solchen Momenten immer diese ikonische Maske auf. Anonymous.
Die Figur, die längst zu einem kulturellen Archetypen der digitalen Mahnung geworden ist.

Ich stelle mir vor, wie sie sich zurücklehnt, die Arme verschränkt und trocken sagt:

„Ihr wollt digitale Souveränität?
Dann hört auf, digitale Abhängigkeit als Fortschritt zu verkaufen.“

Es ist dieser Satz, der wie ein forensischer Schlag in die Magengrube trifft. Direkt, unfreundlich, aber wahr. Denn Europas digitale Ambitionen wirken oft wie PowerPoint-Schach: schön visualisiert, aber ohne echte Figuren auf dem Brett.

Bereits heute laufen unsere Verwaltung, unsere Industrie, unsere Start-ups, unsere KI-Forschung und sogar unsere Sicherheitsbehörden über dieselben drei Hyperscaler. Ein einziger technischer Single Point of Failure, verteilt über drei US-Konzerne.


Die eigentliche Frage

Man kann den gesamten Diskurs auf eine einzige Frage reduzieren – und sie ist so simpel wie brutal:

Wenn uns bereits der Ausfall russischer Energie destabilisiert hat, warum glauben wir, dass uns der Ausfall US-amerikanischer Cloud-Infrastruktur verschonen würde?

Es ist dieselbe Logik, dieselbe Abhängigkeit, dieselbe Verwundbarkeit – nur in digitaler Form.
Und sie wirkt leiser. Unsichtbarer. Perfider.

Europa spricht von Souveränität, während es längst importiert: Rechenleistung, Plattformen, KI-Modelle, Skalierung.
Wir reden von Innovation, während wir im Kern Infrastruktur mieten, die andere gebaut haben.
Wir reden von Resilienz, während wir betriebliche Grundversorgung outsourcen.


Was jetzt? Keine Romantik, bitte.

Natürlich könnten wir eine europäische Alternative aufbauen.
Die Frage ist nicht ob das möglich ist – sondern ob wir es wollen.
Und ob wir bereit sind, dafür drei unangenehme Wahrheiten zu akzeptieren:

  1. Infrastruktur entsteht nicht durch PDFs, sondern durch Milliardeninvestitionen und Geschwindigkeit.
  2. Souveränität braucht Technologie, nicht nur Regulierung.
  3. Wer seine Daten-Infrastruktur nicht besitzt, besitzt in Zukunft gar nichts.

Daten waren nie das neue Öl.
Infrastruktur ist das neue Öl.
Und Hyperscaler besitzen bereits die Förderanlagen, Leitungen, Raffinerien und die globale Logistik.

Europa hält den Kanister.

Die Frage ist, wie lange wir noch glauben wollen, dass das reicht.

Euer Simon
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